Frühere Posts
Unsere Posts

Professor Sven Regener


Einer der schillerndsten zeitgenössischen Bremer Köpfe ist ohne Zweifel Sven Regener. 1961 in der Hansestadt geboren, wuchs er in der Neuen Vahr auf, der er, wie dem Ostertorviertel der späten 70-er und frühen 80-er Jahre, mit seinem Roman ‘Neue Vahr Süd‘ ein unübertreffliches Denkmal setzte. Der Roman wurde 2010 von Radio Bremen verfilmt, mit einem grandiosen Frederick Lau in der Hauptrolle des Frank Lehmann und in der unbestechlichen Regie von Hermine Huntgeburth, eine gelungene Romanverfilmung und eine liebevolle Hommage an das Viertel dieser (damals noch nahezu unschuldigen) Zeit. Daneben gründete Regener 1985 die Band Element of Crime, die Bremens Nachbargemeinde Delmenhorst mit dem gleichnamigen Lied unsterblich gemacht hat.

Nun wurde Sven Regener von der Universität Kassel die Grimm-Gastprofessur 2016 verliehen. Der Bremer Weser-Kurier nimmt diese Berufung zum Anlass eines Artikels von Hendrik Werner zu Regeners Ehren.

Unser Bester

Was den Bremer Romancier und Musiker Sven Regener für eine Grimm-Gastprofessur qualifiziert

Bremen. Ein konsequenter Karriereschritt ist zu vermelden: Sven Regener (55), Schriftsteller und Musiker mit Bremer Wurzeln, wird in diesem Jahr Grimm-Gastprofessor an der Universität Kassel. Regener gehöre zu den anregendsten deutschsprachigen Künstlern, teilte die Hochschule am Dienstag zur Begründung mit. Mit den Liedern „Weißes Papier“ und „Mittelpunkt der Welt“ mit der von ihm gegründeten Band „Element of Crime“ habe er Musikgeschichte geschrieben, mit seiner Trilogie um den nach Berlin migrierten Bremer Frank Lehmann die Wendeära popliterarisch humorvoll aufgearbeitet. Als Gastprofessor soll Regener Ende Mai eine öffentliche Vorlesung halten. Thema: „Zwischen Depression und Witzelsucht: Humor in der Literatur“. Geplant sind zudem eine öffentliche Lesung aus dem Roman „Neue Vahr Süd“ sowie das Seminar „Erzählperspektive bei Herr Lehmann“.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten wird die Grimm-Gastprofessur, die an das sagenhafte Werk der auf Märchen und Wörterbücher fixierten Gebrüder Jacob und Wilhelm erinnert, an deutschsprachige Autoren vergeben. Bekleidet haben die alljährlich ausgelobte Gastprofessur unter anderem die spätere Nobelpreisträgerin Herta Müller, Ilija Trojanow, Guntram Vesper (aktueller Träger des Leipziger Buchpreises) und – im vergangenen Jahr – der Kinderbuchautor Paul Maar. Sven Regener, der in Interviews gut und gern mit antiakademischen Ressentiments kokettiert, zugleich aber als ungemein belesen gelten darf, ist also in bester Gesellschaft.

Nun wird er zum Ruhme Bremens auch im akademischen Milieu beitragen. Ein Lokalpatriot im besten Sinne ist Regener, geboren am ersten Tag des Jahres 1961, ohnehin stets gewesen. Trotz seiner Lehr- und Wanderjahre, die ihn zunächst nach Hamburg und später nach Berlin führten – wo der Mann dann irgendwann festsaß. Gehalten von ­musikalischen Bindungen (Sänger und Trompeter der Gruppe Element of Crime). Gehalten von Familienbanden (verheiratet, zwei Kinder). Ähnlich wie ein gewisser Herr Lehmann, der erst couragiert von Bremen nach Berlin umzog – und dann bereits Angstzustände bekam, wenn er nur von Kreuzberg nach Charlottenburg fahren musste.

Trotz seines mittlerweile denkbar weserfernen Lebensmittelpunktes schwelgt Regener, der in der Vahr aufwuchs – genauer gesagt: in der Adam-Stegerwald-Straße – noch immer wortreich von der Stadt seiner Geburt: „Bremen ist super und für seine Größe überproportional wichtig in Deutschland, was Kultur betrifft“, sagte Regener dieser Zeitung, als Ende 2013 sein Roman „Magical Mystery“ erschien. „So sehe ich das jedenfalls. Und so sehr am Rande findet die Stadt in dem Buch gar nicht statt, da ist schon einiges los in Bremen in dem Buch.“

Diese Feststellung gilt naturgemäß forciert für „Neue Vahr Süd“ (2004), das vorzugsweise und vorzüglich in der Vahr und im Viertel angesiedelte Prequel zu „Herr Lehmann“ (2001). Vor allem in diesen beiden Lehmann-Romanen, die 2008 durch die stilistisch ­etwas schwächere Groteske „Der kleine Bruder“ zur Trilogie aufgestockt wurden, schaut Regener neben Soldaten und verkrachten Künstlern insbesondere dem feierfreudigen Nachtvolk genau aufs Maul – sei es im Steintor, sei es in Berlin-Kreuzberg.

Als der zuvor auf lakonische Lyrik abonnierte Musiker kurz nach der Jahrtausendwende als erzählender Schriftsteller auf den Plan trat, tat er das naturgemäß ungleich wortreicher als in jenen verdichteten Miniaturen, die er in den mal elegischen, mal komischen Element-of-Crime-Songs kultiviert hat. Zugleich leistet Regener in seinen dialogdrallen Romanen das rare Kunststück, geschriebene und gesprochene Sprache im höchstmöglichen Maße zu versöhnen. Es ist definitiv ein Bremer Sound, der in seinen Büchern echot. Ein charmanter Sound, der sich durch Umwegigkeit und einen Hang zur Überpointierung auszeichnet.

Sven Regener, der sich mit „Delmenhorst“ die heimliche Hymne der Metropolregion zusammenreimte, dürfte schon deshalb ein grandioses Gastspiel als Hochschuldozent geben, weil sein Erkenntnishunger so ausgeprägt ist wie sein Beharrungsvermögen. „Ohne Klarheit in der Sprache ist der Mensch nur ein Gartenzwerg“ heißt es in einem der Lieder dieses begnadeten Sachwalters der deutschen Sprache.

© Weser-Kurier

Wir danken dem Weser-Kurier für die freundliche Genehmigung des Abdrucks des Artikel vom 23. März 2016. Jedwede weitere Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung durch den Weser-Kurier.

Nachtrag 3/9/2017: Am 7. September 2017 veröffentlicht Regener seinen neuen Roman »Wiener Strasse« und sein Film »Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt« ist angelaufen.

Weitere Links:

Homepage | Sven Regener: www.svenregener.de

Homepage | Galiani Verlag Berlin:www.galiani.de/autor/sven-regener/1362/

Homepage | Hörbücher Sven Regener: http://www.svenregener.de/hoerbuecher

Homepage | Element of Crime: www.element-of-crime.de

Homepage | Universität Kassel: http://bit.ly/1PCNjRK

Foto | Sven Regener: Der Autor auf der Frankfurter Buchmesse 2008 © under the terms of the GNU Free Documentation License

Frederick Lau

als Frank Lehmann

© WDR, Thomas Kost

Merken

Merken

© 2015-2020 KONTRAST · Männermode