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Ein Bremer in Paris


Bremer in aller Welt. Einer davon ist der Modeschöpfer Jürgen Michaelsen, der in einer Bremer Kaufmannsfamilie geboren wurde. Er besuchte hier das Hermann-Böse-Gymnasium. Bald nach seinem Abitur verließ er vor 60 Jahren die Hansestadt in Richtung Paris. Dort lernte er niemanden Geringeren als Christian Dior kennen und wurde mit 20 Jahren dessen Assistent. Da sein Vorname für französische Zungen doch ein wenig schwierig auszusprechen war, "taufte" ihn Dior einfach Yorn.

Unter diesem Namen kreierte er dann auch seine eigene Kollektion, die über 40 Jahre grossen internationalen Erfolg feierte. Heute lebt Yorn Michaelsen zwischen der Provence, der Normandie und Monte Carlo, aber demnächst kehrt er wieder mal nach Bremen zurück: am 4. Februar wird er einer der Gäste der 474. Bremer Schaffermahlzeit im Oberen Saal des Bremer Rathauses sein.

Sigrid Schuer hat Yorn Michaelsen für den Weser-Kurier porträtiert. Sie hat KONTRAST-Männermode freundlicherweise genehmigt, ihren Artikel "Mit Schirm, Charme und Courage nach Paris" hier auf unserem Blog zu reproduzieren. Wir danken ihr dafür sehr herzlich!

Von Bremen in die Welt der Mode

Mit Schirm, Charme und Courage nach Paris

Mit gerade mal 20 Jahren wurde Jürgen Michaelsen 1956 Assistent von Christian Dior in Paris. Der Beginn der atemberaubenden Karriere des Bremers, der unter dem Label „Yorn“ bekannt werden sollte.

Paris ist seit 60 Jahren seine Wahlheimat, obwohl er zwischen der Provence, der Normandie und Monte Carlo hin- und herpendelt. Der Lichterstadt an der Seine hat der Bremer es zu verdanken, dass er Zeit seines Lebens „Gast im Glück“ war, so wie es ihm eine Wahrsagerin auf der Rue de la Paix vor Jahrzehnten weissagte: „Deine Zukunft spielt sich in einer Welt mit goldenen Stühlen ab. Es sind die Frauen, die dir Ruhm und Reichtum bescheren. Dein Beruf wird dich und andere glücklich machen!“ Seiner Autobiografie, die er gerade schreibt, hat Jürgen Michaelsen genau diesen Titel gegeben: „Gast im Glück“. Kein weiteres Hochglanz-Coffee-Table-Buch über Mode, sondern sehr persönlich geschilderte Erinnerungen mit typischem Pariser Charme und Savoir vivre, die der WESER-KURIER exklusiv nach dem Erscheinen des Buches abdrucken wird.

Seine Schwester Ursula, damals zu Besuch aus Bremen, um bei dem jüngeren Bruder nach dem Rechten zu sehen, sei angesichts solcher Voraussagen entsetzt gewesen. „Sie hielt diese Andeutungen für die ertragreiche Laufbahn eines professionellen Gigolos“, schreibt Michaelsen augenzwinkernd. „Meine Deutung allerdings war eine ganz andere! Die Zukunft sollte mir recht geben!“ Der junge Bremer, der 1956 mit gerade mal 20 Jahren Assistent von Christian Dior in Paris wurde, eröffnete sechs Jahre später als erster Deutscher ein Haute Couture-Haus an den Champs-Elysées. „Eine solche Karriere wäre heute nicht mehr möglich!“ räumt er ein. Die nationale wie internationale Presse zeigte sich im Sommer 1962 begeistert von dem Debut des jungen Modeschöpfers: „Le petit prince est né“. „Der kleine (Mode)-Prinz ist geboren!“ Das hatte Folgen: Das renommierte New Yorker Mode-Kaufhaus „Sacks“ an der Fifth Avenue präsentierte gleich neben einer Kreation von Christian Dior ein Modellkleid von Jürgen Michaelsen.

Der Erfolg war groß, die Kassen allerdings leer. Und schließlich war der Herr Papa aus Schwachhausen, der als Kaufmann in Gewürzen, Kaffee und Tee machte, schon finanziell in Vorleistung getreten. Was also tun? Seine Idee: Was die amerikanischen Einkäufer können, müsste doch auch auf dem deutschen Markt funktionieren. Die Amerikaner kauften die Originalmodelle der Pariser Couturiers zu einem Vielfachen des Einzelpreises, um sie dann in den eigenen Salons nach den Schnittmustern maßgenau in Pret-à-porter-Mode zu kopieren. Also nahm Michaelsen Kontakt zur Zentrale der Kaufhaus-Kette Karstadt auf. Der Wunsch des Leiters der Damenoberbekleidung: Zunächst sollte er erst einmal fünf weiße Blusen und fünf blaue Röcke entwerfen. Als die im Handumdrehen ausverkauft waren, folgte die erste eigene Kollektion. Die „Yorn“-Kollektionen sollten über 40 Jahre hinweg äußerst erfolgreich laufen.

Yorn, wie ihn Christian Dior taufte, mit einem Mannequin auf einem Balkon vor dem Arc de Triomphe. In Paris begann seine große Karriere. Zurzeit schreibt Yorn an seinen Memoiren.

„Yorn“, den Namen des Labels, hatte er Christian Dior zu verdanken. Der konnte mit dem typisch deutschen Namen Jürgen herzlich wenig anfangen und taufte ihn in seinem Studio kurzerhand in Yorn um. Später wurde Michaelsen dann für Neckermann zu „JM, unserem Mann in Paris“. Damit war der Modedesigner Vorreiter einer Entwicklung, der schließlich auch Karl Lagerfeld folgte, indem er Kollektionen für den schwedischen Mode-Riesen „H&M“ entwarf. Michaelsen fing bei Dior an, als der ein Jahr ältere Yves Saint Laurent schon Assistent bei dem legendären Couturier war. Während Karl Lagerfeld und Yves Saint Laurent in den 1970er-Jahren im sagenumwobenen „Palace“ in der Rue du Faubourg-Montmartre die Nacht zum Tage machten, verzichtete der Bremer Kaufmannssohn auf derlei exzentrische Eskapaden. Yorn blieb mit seiner positiven Ausstrahlung und seiner Freude am Leben immer bodenständig. Bis heute pflegt er gute Kontakte nach Bremen und besucht hier mit schöner Regelmäßigkeit nicht nur seine Verwandtschaft, sondern auch die Klassentreffen des Alten Gymnasiums, wie jüngst in Höpkens Ruh. Immer dabei: sein West Highland-Terrier „Le big Gatsby“. Anfang Februar kommt Michaelsen wieder zurück in die Hansestadt, dann wird er zu Gast beim Schaffermahl sein. Diese bremische Bodenständigkeit, die ihm von seinem Elternhaus vermittelt wurde, bewahrte ihn vor Abstürzen, die in der Modebranche nicht selten sind.

Die Alkohol- und Drogenprobleme der früheren Dior-Chef-Couturiers John Galliano und Yves Saint Laurent gingen, spätestens nach der Film-Biografie 2014, durch die Presse. Und auch der britische Couturier Alexander McQueen starb 2010 im Drogenrausch. Claude Montana, einst erfolgreicher Modeschöpfer lebt heute verarmt in Paris. Nur Karl Lagerfeld hat die, nach Albert Einstein, oft „tödliche Bürde des Ruhmes“ ohne nennenswerte Blessuren überstanden. „Dieser Beruf ist vielleicht einer der schwierigsten überhaupt, denn man steht mit jeder neuen Kollektion unter dem immensen Zwang, sich neu erfinden zu müssen“, resümiert Yorn. Obwohl der „hinreißende Couturier“ Saint Laurent und er „beste Freunde“ gewesen seien, wie er süffisant schreibt, konnte Yves es sich nicht verkneifen, sich über den deutschen Akzent seines Kollegen lustig zu machen. Und Yorn wehrte sich mit einer Wette um eine Flasche Champagner: „Wetten, dass ich in zwei Monaten in einem Pariser Theater eine Rolle auf Französisch spiele?“ Wer wissen möchte, wie er das schaffte, muss auf die Autobiografie warten. Saint Laurent nahm die Schlappe eher schmallippig hin. Und als er die Nachfolge von Christian Dior antrat, der 1957 starb, hatte er keine Verwendung mehr für den jungen Deutschen.

Christian Dior sei dagegen eine Seele von Mensch gewesen. „Dior war nie glücklich. Er liebte die Schönheit um sich herum. Und er war immer großzügig zu seinem Team und sehr lieb zu uns allen“, erinnert sich Michaelsen. Für Yorn war das Studio Dior in Paris das Paradies. Er empfand die Atmosphäre in etwa so warmherzig wie sie Paul Gallico in seinem Roman „Ein Kleid von Dior“ 1958 schilderte. An seinem ersten Weihnachten in Paris bekam er von Monsieur Dior Sonderurlaub für Bremen. Und so fuhr er hochbeglückt mit einer halben Literflasche des Parfums „Miss Dior“ im Gepäck gen Heimat. Seine Mutter zeigte sich nicht weniger beglückt von diesem Geschenk und revanchierte sich mit einem selbst gebackenen Bremer Klaben. Diors Directrice Madame Raymonde wachte allerdings streng darüber, dass le Maitre, der Meister, nicht zu viel naschte. Also genoss Dior in einem gut abgepassten Augenblick gemeinsam mit seinem Assistenten die Bremer Spezialität unbeobachtet in seinem Privat-Lift.

Wie Yorn Michaelsen in seinen Memoiren überhaupt jede seiner glückhaften Lebensstationen mit einem besonderen Rezept Revue passieren lässt. Ein „Muss“ für den passionierten Liebhaber guter Küche ist der Apfel-Rotkohl, den es so nur in Bremen gibt und der auch diese Weihnachten in Frankreich auf den Tisch kam. Alles begann mit den „Oeufs Mimosas“, die er gemeinsam mit Bernard Lefort bei seinem ersten Besuch an der Seine genoss. Über eine Freundin seiner Schwester Ursula, die Sekretärin im Haus Dior war, gelang es ihm, eines der heiß begehrten Tickets für die Mode-Defilées im Salon zu ergattern. Mit Charme und Courage fasste sich der Abiturient tags darauf ein Herz und ließ so lange nicht locker, bis er Christian Dior seine Mappe mit Modezeichnungen präsentieren durfte. Und das Schicksal wollte es, dass neben Yves Saint Laurent gerade eine Assistentenstelle frei geworden war.

Ausgangspunkt für seine Karriere in Paris war indes das Institut francais de Breme, wo Jürgen Michaelsen nicht nur Französisch lernte, sondern auch die Mannequins in der „Vogue“ anhimmelte. Mit Alla, einem der Star-Mannequins aus dem Studio Dior, die er zunächst nur aus dem Modemagazin kannte, sollte ihn später eine lebenslange Freundschaft verbinden. Ebenso wie mit Lilo Pulver, die er kennenlernte, als er ihre Filme ausstattete, die sie in Paris drehte.

Der Gymnasiast bewunderte aber auch Mademoiselle Gallemiche, stets umgeben von einem Hauch von Guerlain, die die von ihr arrangierten Konzertabende zu Höhepunkten des Bremer Kulturlebens machte. So engagierte sie für das Institut francais auch den jungen Bariton Bernard Lefort. Der brachte sich von jedem Auftritt ein Steiff-Tier mit und verliebte sich in Bremen prompt in eine Plüsch-Giraffe mit Knopf im Ohr. Da das Spielwaren-Geschäft allerdings schon geschlossen hatte, verfügte Mademoiselle Gallemiche kurzerhand, Jürgen Michaelsen in diplomatischer Mission mit der Giraffe nach Paris zu schicken. Der Beginn einer weiteren lebenslangen Freundschaft, diesmal mit Bernard Lefort, der 1983 Direktor des Palais Garnier wurde, der Pariser Oper. Die Leidenschaft für die Oper hat die beiden Künstler stets auch beruflich verbunden. Denn Yorn, der als Bremer Schüler als Komparse am Theater am Goetheplatz auf der Bühne stand, entwarf später auch Kostüme für Film und Oper.

© Sigrid Schuer

Bilder v.l.n.r.: Yorn Michaelsen in TV5 Monde | Yorn Michaelsen mit Alla, einem Star-Mannequin von Dior | Das Alte Gymnasium in Bremen

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